Einleitung ....

Ich bin mir nicht sicher, wann wir diese Entscheidung trafen - aber so ganz bei sinnen waren wir bestimmt nicht. Sicherlich war es einer dieser Momente, wo mein Mann den Hauptteil seines Blutes aus dem Gehirn in andere Teile seines Körpers gepumpt hat, wo es wesentlich mehr Spass haben kann und ich wahrscheinlich noch zu übermannt von meinen Stillhormonen war, die mir sagten "Nestchen bauen - sesshaft werden".

Nun, die Entscheidung wurde getroffen: Haus! Eigenheim! Garten.

Mit diesen drei Argumenten - gegen die man zugegebenermassen recht wenig einwenden kann - sassen wir gefühlstechnisch quasi schon in der Predulie. Die Mietwohnung verlor an Flair - klar, sie war in der Stadt, nahe dem Tierpark Hagenbecks und eigentlich ist sie ja ganz hübsch  - aber unvergleichlich gegen das eigene Heim. Das eigene Haus. Am Stadtrand.

Und schon malten wir uns in bunten Farben unser Leben aus: Im Garten würden wir sitzen. Auf dem eigenen Balkon oder der Terasse. Mit dem Grill. Und natürlich dem wuselnden Kind in der Sandkiste. Eine Schaukel musste her - und natürlich ein Schaukelstuhl für mich. Und ich sah mich doch tatsächlich - in schwachen Momenten behandschuht durch den Garten rennen, während ich die (zugegeben pflegeleichten) Blümchen mit Wasser beglückte. Daneben spielte unser bezauberndes Töchterchen mit ihrem bunten Ball während die Katzen in ihrem Gehege fröhlich die Fliegen wegfingen.

Was mich damals schon stutzig hätte machen sollen, war die Tatsache, dass in dieser wunderbaren Phantasie kein Mann vorkommt. Klar - der war ja - auch während dieser Phantasie: Arbeiten.

1,5 Jahre nach dem Ursprung dieses Phantastgestrüpps war es dann soweit. Wir fanden einen charmanten Bungalow, 100 qm gross und ausbaufähig zu einem wirklichen Schnäppchen. Die erste Begegnung war Liebe auf den ersten Blick. ein niedlicher Garten der ums Haus herum angelegt war. Eine süße Einfahrt - und das Haus gelegen in einer Einliegerstrasse. Keine vorbeirasenden Autos. Der Traum meiner schlaflosen Hausnächte.

Gut - zugegeben - in meiner Phantasie stand das Häuschen natürlich in der Stadt. Aber wer kann sich da eine Bude heutzutage denn noch leisten. Also steht das ganze Gebäude in Niedersachsen - ein paar Hundert Meter vom Stadtschild Hamburg entfernt - Abfahrt Marmstorf. Ein Ort, der mir vorher noch nie in den Sinn kam - ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, dass es ihn gäbe .... aber es gibt ihn offenbar doch. Und als ich den Namen hörte, dachte ich erst an einen schlechten Witz.

Gut zumindest die Hausnummer entspricht meiner Glückszahl - was das ganze dann nicht ganz so dramatisch macht, dass wir ja nun doch 30 Minuten Fahrzeit (ok 2h wenn es zur Hauptverkehrszeit durch den Elbtunnel geht, bei dem schon aus Prinzip immer mind. 1 Röhre dauergesperrt ist .... wahrscheinlich will die Stadt sie schonen - für den Fall, dass man sie mal brauchen könnte ....) von Hamburg-City entfernt.

Es ist also quasi ein kleiner Traum - mitten in der Pampa. Herrlich - auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick viele Nachbarn drum herum, die allesamt schön in den Garten gucken und sich - noch bevor man den Kaufvertrag in den Händen hielten - über die hässliche Pergola am hinteren Garten beschweren - denn da schien der Vorbesitzerin die Hecke ausgegangen zu sein ....

Gut, ein kleines Häuschen aus den 60igern. Mal eben drüberrenoviert und das Ding wird ein Schmuckkästchen. Ich war beflügelt, lud mir sämtliche Einrichtungsprogramme aus dem Internet herunter - nebst IKEA-Planer auch den Furnisher (der zwar super ist, aber einen einprogrammierten Programmabsturz hat - einmal Stündlich. Netterweise kann man bei diesem Programm speichern!) und setzte mich an die Arbeit der Inneneinrichtung. Auf meine Frage, wie lange denn die renovierungen dauern würden, sagte mein Liebster: "2 Wochen" und lachte zynisch. Ha! Ha! Was haben wir gelacht. Hatte uns doch die Schwester meines Liebsten zu Ostern mit einer netten DVD beglückt. "The Money Pit" oder auch "Geschenkt ist noch zu teuer." - eine überaus zynische Komödie mit dem erstklassigen (und zu dem Zeitpunkt noch jungen) Tom Hanks, der sich in diesem Klassiker ein "billiges Schnäppchenhaus" am Rand von New-York kauft - nur um festzustellen, dass er in eine Bruchbude investiert hat und ihm die Renovierung (was letztlich einem Abriss gleicht) mehr Geld kostet, als in einen Neubau IN NY-City zu investieren.

Nochmal ernsthaft nachgefragt, plädierte Männe auf 4 Monate und ich - überfallen von Euphorie und jugendlichem Leichtsinn  - sogar auf 3 Monate. Gut, der Estrich alleine muss einige Wochen trocknen, bis man Böden auf ihn legen darf .... aber in der Zwischenzeit kann man doch alles andere fertig machen .... dachte ich und huschte zurück an meinen Computer um mich weiterhin bei der Inneneinrichtung auszutoben.

Als ich dann nach 2 Wochen erneut ins Haus kam, traf mich fast der Schlag. So waren sie mittlerweile sehr fleissig - haben die Bodenbeläge (Fischparkett .... einzeln abpuhlen - was für eine schöne Arbeit!) entfernt und in einem Teil der Räume konnte man das Dach sehen! Ja, ich gebe zu - wäre ich alleine gewesen, hätte ich einen Heulkrampf bekommen. Es staubte nur so, dass es eine Freude war. Vom bezaubernden Garten war kaum mehr etwas übrig - denn da standen 2 riesige Baucontainer und unmengen an Holz (ja die Vorbesitzer hatten die Tolle Idee, ihre Decken mit Holz abzuhängen .... erst später erfuhren wir, warum.) und Styropor (ein wunderbares Dämmmatierial)

Mir wurde aufgetragen, die Tapeten von den Wänden zu reissen - und so begann ich damit, die Wände unter Wasser zu setzen. Was immer sie damals an Tapetenkleister genommen haben - mit dem heutigen ist es nicht vergleichbar. Das bemerkte ich, als ich feststellte, dass unter der neuen Rauhfaser-0815-weiss-Tapete eine 60er-Jahre Streifentapete auftauchte. Sie weicht heute noch in Wasser ein - und mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass ich sie nur runterbekomme, wenn ich entweder den Putz mit entferne, oder die Wände rausreissen lasse. Ich überlege gerade, ob es nicht hübsch wäre, das Wohnzimmer mit dem Flur zu erweitern ....

Als ich 2 Tage später - mit einem tierischen Krampf im Handgelenk vom Tapetenkratzen - wieder auf die Baustelle kam, war ich mir nicht so ganz sicher, ob das unsere Baustelle war. Das halbe Dach war weg!

Moment mal .... keiner sprach vom Dach! Keiner hat davon geredet, dass das Dach wegmuss. Mein Haus hat kein Dach mehr! Hallo? Hilfe - Polizei .... Man hat mein Dach gestohlen!

Nein - alles halb so wild ... wobei - wie man es nimmt. Hätte es jemand gestohlen, hätte die Versicherung wahrscheinlich ein neues gelöhnt.

Unser Dach war nass. Moos ist darauf gewuchert und dadurch floss das Wasser direkt durch die Lufträume der Schindeln mitten ins Haus. Nun konnten wir auch die riesiegen Wasserflecken an der Decke zuordnen - und wussten, warum dieses hässliche Holzkonstrukt an der Decke hing - und darunter Styropor.

Nun lag auch in meinem hinteren Garten wildes Holz herum - und es lag an mir, dieses Holz hübsch sortiert auf den Holzhaufen (der direkt neben dem Sandhaufen und vor dem Baucontainer) zu bringen. Tolle Sache - immerhin war ich emotional nur auf Tapetenkratzen vorbereitet .... und Kleidungstechnisch hatte ich mich zugegebenermassen noch nicht mit den heimischen Vorschriften auseinandergesetzt. So bin ich in meinem jugendlichen Leichtsinn mit Turnschuhen (Ja, jeder Bauarbeiter lacht sich jetzt einen Ast ab) auf die Baustelle getappert. Da in den dämlichen Dachbrettern noch die Nägel drinsteckten, konnte es sich nur noch um wenige Dachlatten handeln, bis der Zustand "Nagel trifft Fusssohle kritisch!" eintrat. Jaulend hüpfte ich zur Seite - einbeinig freilich - und zerrte an meinem kaputten Schuh. Der ging durch - bis in die Fusssohle.

Nun war ich in der irrtümlichen Annahme, auch in Deutschland sei es Pflicht, in den Erste Hilfe Kästchen des Autos auch Desinfektionsspray, Pinzette, Notoperationsbesteck, Sauerstoffzelt und einen Playboy zu haben. Nun, ich habe mich geirrt - und das musste ich feststellen. Offenbar scheinen Desinfektmittel und Pinzetten zu gefährliche Güter zu sein - sodass man dem deutschen Bürger nicht zutraut, damit auch verantwortungsbewusst umzugehen. Und dass kein Playboy drin war, enttäuschte mich enorm - immerhin benötigt man doch auch als Frau etwas Trost bei derartigen Missgeschicken.

So bekam ich ein Pflaster. Na immerhin auch etwas. Ich vertraute meinem Immunsystem und ackerte weiter wie ein Tier. Die Bretter liefen schliesslich nicht von alleine zu ihrem Bestimmungsort ..... leider.

Nachdem der Garten fertig war und ich anfing, weiter die Tapeten zu maltretieren, kam auch - verlässlich wie sie ist - die Sonne raus. Es war abzusehen, dass die Sonne immer dann kommt, wenn man im Haus zu tun hat. Mensch was für ein Glück, dass das Haus kein Dach hat.

Als ich am Tag darauf wieder hinzu stiess, fehlte in einigen Räumen schon der komplette Boden. Alle Wände, die wegsollten, waren endgültig weg - und die Tür zum Gästeklo war liebevoll auf der Tapete aufgezeichnet. (Ob die mich erschlagen hätten, wenn ich mit dieser Tapete angefangen hätte - immerhin hatte ich den stupiden Auftrag "Jeder Raum - alle Tapeten müssen runter." Egal - ich wollte es nicht riskieren - die Nerven lagen eh schon blank.

Ausserdem flog der klobige Schornstein/Kamin raus .... na etwas Gutes muss ein fehlendes Dach ja doch haben.

Aktuell besitzen wir ein charmantes Hüttchen mitten in der Pampa - zu dem wir nur kommen, wenn wir uns mehrere Stunden in den Stau am Elbtunnel stellen - und dieses charmante Hüttchen hat einen Keller und ein paar Wände.

Ja das Leben ist schön - und ich kann vor lauter Aufregung kaum schlafen. Diese Nacht träumte ich schon von den ersten Dachziegeln, die aufs Dach gelegt wurden ..... Tja, man muss sich auch mit kleineren Dingen zufrieden geben.

Alles Liebe und bis Bald

25.5.09 10:27

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